Samstag, 10. September 2011 14:53

Autor: © Bert Steffens, Freier Philosoph, Andernach
Gesetzesgemäßes Handeln kann nicht toleriert, sondern nur akzeptiert werden.
„Toleranz“ zu üben war stets Zeichen der Macht der Mächtigen oder privater Einfalt
|
ZUM INHALT
- „Toleranz“ – was ist das?
- „Toleranz“ in der Politik
- „Toleranz“ und Messtechnik
- „Toleranz“ und demokratischer Rechtsstaat
- „Toleranz“ und religiöse Ideen
- „Toleranz“ und Bundesverfassungsgericht
- „Toleranz“ und gewaltsame genitale Verstümmelung
- „Toleranz“, Scharia und Frauen
- „Toleranz“ und Grundgesetz
- „Toleranz“ und „Migrationshintergrund“
- Recht auf Selbsterhaltung
- Darüber hinaus
- Fazit
|
1. „Toleranz“ – was ist das?
Tolerieren? Toleranz üben? Was bedeutet das eigentlich genau? Das Dulden oder das Hinnehmen fremder Gebräuche oder als fremdartig empfundener Weltanschauungen, metaphysischer oder religiöser Ideen? Oder ist es ein großzügiges Verhalten jener, welche eigentlich die Macht oder das Recht haben, zum ungewohnten oder unerwünschten Verhalten Anderer nein sagen zu können, es aber dennoch zulassen? Ist tolerantes Verhalten freiwilliger oder unfreiwilliger Natur oder ist Toleranz nur ein Dulden oder gar ein Erdulden von Handlungen, die - genau betrachtet - Gesetze verletzen?
Der Begriff „Toleranz“ ist der lateinischen Sprache (neulat. tolerantia) entnommen und bedeutet soviel wie Duldung, „geduldiges Ertragen“. Das lateinische „tolero“ heißt soviel wie „das Ertragen“, „das Erdulden“ und als Verb steht „tolerare“, „erdulden“.
Nicht nur im täglichen Sprachgebrauch ist „Toleranz“ oft eine Art von Zauberwort, eines, das ein unbestimmtes, aber angenehmes Gefühl der Vorstellung von „Friede, Freude, Eierkuchen“ hervorruft, verkürzt auf acht Buchstaben. So ist von „politischer Toleranz“, „religiöser Toleranz“, von „Demokratie und Toleranz“, vom „Zentrum der Toleranz“, „Bündnis der Toleranz“, von „Toleranzforschung“, vom „Geist der Toleranz“, von der „Seele der Toleranz“, von „Toleranzlehren“, schließlich auch von „Toleranzkritik“ die Rede und so fehlt es auch nicht an einer - sehr weit zurückreichenden - „Geschichte der Toleranz“.
Bei näherer Befassung mit dem Begriff „Toleranz“ erkennt man bald: Diesem haftet der Geruch des Willkürlichen, Unbestimmten, Dekorativen an, insbesondere der Großzügigkeit eines Rechtsinhabers oder Mächtigen, der „tolerieren“ kann, aber nicht muss. Toleranz oder ihr Gegenteil, die Intoleranz, wird also von Weltanschauung, religiösen Ideen, von Tradition, vom Geschmack, letztlich aber aus einer Machtstellung bestimmt: Ich toleriere diese Handlung, jenes Reden oder eine für mich fremde Religion, obwohl ich dies alles untersagen könnte.
[...]